Inhalt Nr.1/2016

Abschied nach 31 Jahren
1985 – 2016
Seite 2:
Aus dem Inhalt
Löwen, Bären und keine Kühe 4
Bücher 5
Ich wollt', ich wär' ein Stier 6
Ph. Schwinghammer, Panem et Circenses 9
Vegetarische Informationen 10
Vegan reicht das? 11
Raiffeisen - Offenlegung, Impressum 12
Besser kein's 13, Zur Jagd 14
Robert Musil, Die kleine Katze 16
Woran stirbt das Recht 18
Das Down-Syndrom unserer Polizei 19
Liebe Leserinnen und Leser
wie angekündigt, stellt die anima ihr Erscheinen ein. Ich als Verantwortlicher bin zu alt geworden, Nachfolge hat sich nicht gefunden. Nach 31 Jahren ist es also Zeit, Abschied zu nehmen und Dank zu sagen allen, die an der anima Anteil genommen haben; zu förderst unseren Leserinnen und Lesern, von denen manche schon von Anbeginn dabei waren, für ihr Interesse und ihre finanzielle Hilfe. dann den vielen Autoren, die mit ihren Beiträgen der Zeitschrift Leben gegeben haben. Die Zahl ist zu groß als dass ich alle anführen könnte, stellvertretend sei nur der Philosoph Helmut F. Kaplan genannt.
Die Titelseite vieler Folgen zierten beherzigenswerte Worte bekannter Persönlichkeiten aus alter und neuer Zeit. Um zu dokumentieren, wie weit der Kreis aufgeschlossener Menschen in Dichtkunst, Religion und Philosophie ist, nennen wir hier ihre Namen (ungefähr in der Reihenfolge ihres Abdrucks):
Peter Singer, Albert Schweitzer, Ovid, Konrad Lorenz, Plutarch, Manfred Kyber, Horace Dobbs, F.M. Dostojewski, Charles Baudelaire, Peter Rosegger, Wilhelm Busch, Erich Fried, Christian Morgenstern, Klabund, Jesaja, Bertha von Suttner, Gottfried Keller, Rainer Maria Rilke, Jean Ziegler, Christian Wagner, Robert Gernhardt, Joachim Ringelnatz, Heinrich Hoffmann, Friedrich Schiller,, Emily Dickinson, Edgar Kupfer-Koberwitz, John Galsworthy, Friedrich Wilhelm Raiffeisen, Mahatma Gandhi, Mohammed.
(Es fällt vielleicht auf, dass hier die Vergangenheit überwiegt; das hängt mit dem Urheberrecht zusammen, unter dessen Schutz selbst noch viele Werke aus dem 19.Jahrhundert stehen – eine kulturell gesehen bedenkliche Gesetzeslage).
Unser Dank gebührt auch allen, die die anima gemacht haben. Thomas Stiegler, der sie mit ein paar anderen jungen Leuten in Graz gründete, und vor allem Christine Beidl. Sie übernahm das Blatt, das nach einem kurzen Zwischenspiel in Wien wieder nach Graz zurückgekehrt war, noch Ende der 80er Jahre und leitete es schon sehr krank bis wenige Jahre vor ihrem Tod 2005. Ich möchte hier auch meiner Mitarbeiterin Michaela Schaller herzlich danken.
Diese letzte Ausgabe ist ein bisschen von Nostalgie getragen. Wir bringen einige alte Beiträge zu im Tierschutz kontroversiell debattierten Themen. Es war schon immer Anliegen der anima, sich nicht vom Strom treiben zu lassen, sondern zum Nachdenken anzuregen.
Blättern wir in alten Ausgaben unseres Magazins, sehen wir: manch beklagenswerte Zustände währen immer noch. Doch insgesamt hat sich viel zum Besseren gewandelt. 1985 war den etablierten Tierschutzvereinen in Österreich Vegetarismus noch fremd (die Schweiz war schon weiter), Nutztiere kein Thema. Das Wort vegan (von Anfang an in der anima besprochen) war praktisch unbekannt. Heute gibt es einen Vegetarismus/Vegan-Boom. Unsere Hoffnung und unser Wunsch, er möge dauern, und unsere Bitte an alle mitzuhelfen, dass er es tut.
Erwin Lauppert, anima-Redaktion
Seit einigen Monaten gibt es im Zentrum von Graz eine vegan-kulinarische Bereicherung. Das Café Grün befindet sich nur einen Steinwurf vom Jakominiplatz entfernt in der Klosterwiesgasse, und hält einiges bereit, das Veganerherzen höher schlagen lässt.
Die Eigentümer Agnes und Peter Szöke haben sich den Traum vom eigenen Lokal mit Hilfe von Laszlo Domjan, der als Geschäftsführer fungiert, verwirklicht. Dass nur eine vegane Speisekarte infrage kommt, war von Anfang an klar, da Tierrechte und Nachhaltigkeit dem Trio ein großes Anliegen sind. Das Lokal bietet ca. 30 Personen Platz und wird von der Farbe Grün dominiert. „Wir bieten kleine Speisen wie Suppen, Wraps, Sandwiches, Hot-Dogs, Salate, Smoothies und Shakes, die natürlich auch mitgenommen werden können“, erzählt Domjan, „und wir freuen uns sehr, dass wir schon viele positive Rückmeldungen von Gästen haben.
Es gibt täglich ein günstiges Tagesangebot, Kaffee mit fünf verschiedenen veganen Milchsorten und Smoothies mit Superfoods, die sich großer Beliebtheit erfreuen. „Eine Besonderheit sind auch unsere hausgemachten Rohkosttorten, die soja-, gluten- und zuckerfrei sind. Zum Süßen verwenden wir nur Datteln oder Trockenobst. Außerdem werden wir unseren Gästen schon bald köstliche Eisbecher anbieten. Wir möchten erreichen, dass Menschen beim Wort „vegan“ nicht erschrecken, sondern vielmehr beweisen, dass es eine tolle Lebensform ohne Einbußen ist, und auch noch gut schmeckt“, erklärt uns Domjan.
Café Grün
Klosterwiesgasse 6, 8010 Graz
T:0660 8392559, Mail cafegruen@gmail.com
geöffnet Di – Do und So 10.30 – 21 Uhr,
Fr und Sa 10.30 – 22 Uhr, Montag Ruhetag
Vegetarisch im gehobenen Stil
Im Herbst hatte das Selbstbedienungs-Restaurant Ginko, dass sich dank der Qualität und Vielfalt seines vornehmlich veganen Speisenangebots großer Beliebtheit erfreut, im Zentrum der Stadt (Passage Herrengasse 7) einen zweiten Betrieb, diesmal ein Bedienungslokal im gehobenen Stil, eröffnet.
Nun hat Mangolds, die zweite große Grazer vegetarische Selbstbedienungsgaststätte, nachgezogen und in unmittelbarer Nähe der Karl-Franzens-Universität ein ansprechendes Bedienungslokal/geschaffen, Café, Bar und Restaurant.
Die Räumlichkeiten bestechen durch ihre harmonische Gestaltung, teils lehmverputzte Wände, Kartonwabenplatten an der Decke, vorne gemütlicher Lounge-, Café-, Barbereich, im hinteren Teil ein langgestreckter Restaurantraum. Mit einem Wort zum Wohlfühlen.
Morgens bis 11Uhr gibt es Frühstück (Samstag, Sonntag Brunch bis 14h, von 11.3o bis 15 Uhr Mittagessen, kleine Karte mit zwei bis drei Menüs. (Preis fürs billigere Mittagsmenü/ Suppe und Hauptspeise/ 7,20 €). Die Abendkarte bietet reichere Auswahl.
Unseren Testessern mundete das laktovegetarischen Mittagsmenü ausgezeichnet. Diese sehr positive Gaumenfreude konnten unsere Tester zur Mittagszeit beim eher bescheidenen veganen Angebot nicht erleben. Hier hätte die Küche noch Gestaltungsspielraum.
Übrigens, andere, Fleisch führende Lokale in der Zinzendorfgasse bieten auch Veganes.
Mangolds vis-à-vis,
Zinzendorfg. 30, 8010 Graz, T 0316 318345
geöffnet: Montag bis Sonntag 8 bis 24Uhr
(Abdruck aus anima Nr.1/2012)
Die Österreicher haben ein Herz für Tiere, für manche wenigstens. Zahllose Tierschutzvereine beweisen es. Da gibt es große und kleine, reiche (wenige), arme, sehr arme (viele). Wie in jeder großen Herde gibt es vielleicht auch das eine oder andere schwarze Schaf, groß oder klein, das mehr an seine Vorstandsmitglieder denkt als an Tiere. Es empfiehlt sich zu prüfen, ehe man spendet. Die meisten aber engagieren sich intensiv, in steter fleißiger mühevoller Kleinarbeit, viele ohne Aufsehen, einige lieben das Aufsehen und sonnen sich im Glanz eigener oder fremder Verdienste. Die ganze Palette menschlicher Charaktere findet sich auch im Tierschutz.
Die Arbeitsschwerpunkte spiegeln das weite Feld der Tierschutzprobleme wieder. Groß ist die Zahl derer, die sich um einzelne Tiere in Not kümmern, ob in Tierheimen oder privat; ein arbeits- und kostenintensives Geschäft, Tag für Tag ohne Pause, daher meist in Geldnot. Da haben es die Gruppen, die ohne den Ballast eines Asyls sich der Bewusstseinsbildung widmen der Kampagnen führen, leichter. Sie können die Aktivitäten ihren finanziellen und personellen Möglichkeiten anpassen. Die Vielfalt der Tierwelt und ihre Nöte zeigen die mannigfachen Vereinsziele.
Fast jede Tierart findet ihren speziellen Protektor, ob Kaninchen, ob Papageien, ob Pferde und natürlich die liebsten Gefährten, Hunde und Katzen. Die weite Welt ist zu Gast, Resolutionen und Petitionen zeigen Missstände im Ausland auf und bedrängen dortige Entscheidungsträger, Aktivisten versuchen an Ort und Stelle Leid zu lindern; von Grönland bis Mauretanien, von Kanada nach Südafrika; fast um den Erdball führen die Aktivitäten. Internationale Solidarität ist wichtig, Unterstützung der wenigen aktiven Tierfreunde in gegenüber Tieren gleichgültigen Ländern. Manchmal scheint es allerdings, die Liebe zum Fernsten übertreffe die Liebe zum Nächsten, der Tod von Robbenkindern in Kanada berühre mehr als der von Rehkitzen in Österreich. 70.000 werden hier jedes Jahr zur Wildtandsregulierung geschossen, lauter herzige kleine Bambis. Bittet mich vor Jahren eine Dame auf einer Aktivistenkonferenz um eine Unterschrift gegen den Stierkampf. „Gern, gnädige Frau, doch unter uns gesagt, hätte ich die Wahl, wäre ich lieber ein spanischer Kampfstier als ein österreichischer Maststier.“ Darauf die Dame treuherzig: „Ach geht es denen so schlecht?“ Hoffen wir, es hat sich zwischenzeitlich herumgesprochen, dass in unserer Viehhaltung manches zum Himmel stinkt.
Wie gesagt, Tierfreunde kämpfen – jeder dort wo es ihm Herzensanliegen ist – zersplittert an den verschiedensten Fronten, meist gegen übermächtige Gegner, häufig hoffungslos unterlegen und so ziemlich erfolglos.
Nun gib es Stimmen, die sagen, erfolgversprechender wäre es, die Kräfte zu bündeln und auf wenige doch erreichbare Ziele zu richten. Das mag sein. Doch eine Vielfalt sachlicher Interessen und menschlicher Charaktere unter einen Hut zu bringen, ist ein gar schwieriges Unterfangen. Der Ethiker Peter Singer erzählt davon aus Amerika in „Henry Spira und die Tierrechtsbewegung“ (Harald Fischer Verlag 2001; englisch „Ethics into action“ 1998). Manchmal kann es gelingen. Beispiele aus unserem Land: vor einem Vierteljahrhundert das Tierversuchsgesetz, dann 1996 das Tierschutz-Volksbegehren, das 2004 ins Bundes-Tierschutzgesetz mündete, und kürzlich das leider nur mäßig erfolgreiche Bemühen um Abschaffung der Schweine-Kastenstände.
Tierschutzvereine brauchen, um helfen zu können, natürlich Geld. Der Spendenmarkt ist hart umkämpft, große Vereine können sich professioneller psychologischer Hilfe bedienen: Wie rühre ich die Menschen, wie bringe ich sie zum Spenden. Namenloses Massenelend ist dazu ein weniger geeignetes Mittel. Man kann – sagt der frühere Zürcher Tieranwalt Antoine F. Goetschel in seinem jüngst erschienenen Buch „Tiere klagen an“ (siehe Seite 17) in etwas anderem Zusammenhang – offenbar seinen Hund lieben und auch die tägliche Portion Fleisch auf dem Teller. Wahrscheinlich deshalb, weil sich die Liebe nur auf bekannte nahe stehende Wesen richtet, nicht auf anonyme ‚verarbeitete’ Individuen.“ Dem gequälten Tanzbären namens Brummi, der miserabel gehaltenen Löwin Lio ein gutes Zuhause zu schaffen, solchen Projekten öffnen sich Herz und Geldbörse eher als für Vorhaben anonymen Massentieren das Leben zu erleichtern. Erinnern Sie sich an Yvonne, die Kuh die entflohene? Wochenlang bangten die Tierfreunde. Von ihren 500.000 Artgenossinnen, fast alle ohne Weide oder ein Dreivierteljahr angekettet, redete kaum wer.
Wir haben Tierschutzvereine für fast alles, nur bei den Kühen hapert’s. Die Vegetarier der veganen Richtung wollen die Radikallösung, Verzicht auf Milch, ein lobenswertes Ziel; leider hilft es den Kühen wenig, weil nur ein paar Promille oder, hoffen wir es, ein paar Prozent der Menschen auf Milch verzichten wollen. Wohl gibt es gelegentlich Protestdemonstrationen, nur machen die auf die Maßgeblichen wenig Eindruck, die wollen und müssen auf ihre 35.000 Milchbauern achten. Generelle Haltungsverbesserungen sind derzeit nicht durchsetzbar.
Wer ist schuld? Die Profitgier der Bauern, der Handelsketten? Das wäre ein zu billiges Argument. Wenn Profitgier, dann der Drang der Mehrheit der Konsumenten zum niedrigsten Preis. Ein Liter Milch kostet z.B. bei Hofer 89 c. Da ist eine bessere Haltung einfach nicht drin. Die ZurückzumUrsprung-Milch kostet 1,05, damit lässt sich ein bisschen verbessern aber nicht viel.
Ich bin überzeugt, es gibt nicht wenige Tierfreunde, die bereit sind für den Liter Milch 1,50 oder 1,90 € zuzahlen, wenn das den Tieren ein anständigeres Leben brächte.
Sie können es nur nicht, weil es die Milch nicht gibt.
Ähnlich war es vor 25 Jahren. Als wir uns damals bemühten, das Freilandei in die Kettenläden zu bringen, sagten uns alle Schiffbruch voraus. Ein Ei, fast doppelt so teuer wie das Käfigei, das kauft doch keiner. Es wurde gekauft.
Es bräuchte nicht viel, um so ein Milchprojekt zu starten. Engagement, viel Werbung in den Vereinsaussendungen und ein bisschen Geld für den Anfang, für einen großen Verein an sich kein Problem. Wird sich einer finden?
Wollen wir Wesen, die uns dienen müssen, als Sklaven quälen oder sie anständig behandeln?
Seite 5:
Bücher
Jerome Eckmaier u. Daniela Lais
Vegane Lunchbox -
Einfach, schnell, vegan - immer und überall
Dorling Kindersley, 2016, ca. 20 €
192 S., geb.ca. 160 Farbfotos
Zuhause vegan leben ist nicht schwer und tun mittlerweile viele. Außer Haus ist das schon etwas schwieriger, da das Angebot in der Gastronomie, Imbissständen und Kantinen noch immer eher dürftig ist. Selbstversorgung
ist hier gefragt.
Das Duo Eckmeier und Lais präsentieren in ihrem neuen Buch über 100 vegane Rezepte, die sich ideal zum Mitnehmen eignen, abwechslungsreich
sind, gut schmecken und einfach zuzubereiten sind.
Von kleinen Snacks über Suppen, Salate, Sandwiches und Burger bis hin zu richtigen Sattmachern und süßen Verführungen
reicht die Bandbreite, die auch Nicht-Veganer sicher begeistert.
Unlängst bat mich ein engagierter Tierschützer, ein Protestschreiben gegen den Stierkampf, gerichtet an einen spanischen Bürgermeister, zu unterschreiben. Während ich die Unterstützungserklärung fertigte, meinte ich so nebenbei: „Also wenn ich die Wahl hätte, ich wäre lieber ein spanischer Stier a
ls ein österreichischer. Darauf mein Tierfreund: ach, geht es
denen so schlecht?
Leider, das tut es. In einer der nächsten anima-Nummern mehr dazu. Heute nur eine Erinnerung an die Karremann-Filme über Rindertransporte im TV, und als kleines Schlaglicht auf das Leben davor: Selbst nach den Bio-Richtlinien brauchen Mastrinder über 350 kg keinen Auslauf.
Die Fähigkeit des Menschen, den Splitter im Auge des anderen deutlich zu erkennen und den Balken im eigenen nicht zu bemerken: ist es ein uns von der Natur gnädig gewährter
seelischer Schutzschild?
Irgendwie erinnert die kleine Szene an die hohe Politik. Unsere Gegenwart
ist grauslich, gegen Menschen, nicht nur gegen Tiere. Darum schweifen wir lieber in die Ferne, dort geographisch, hier zeitlich und arbeiten die Vergangenheit auf. Eine kleine Erinnerung. zwölf Millionen Kinder lassen wir jährlich verhungern, ... Wir empören uns, mit Recht, daß zu Nazizeiten das eine oder andere Dorf mitsamt seinen Bewohnern ausgelöscht wurde. Nur, seither und bis heute wurden und werden viele hundert Dörfer liquidiert. .... Zugegeben, es ist alles sehr kompliziert, vernetzt, Gut und Böse zu unterscheiden schwierig, ... + Nur nebenbei, vielleicht kämen weniger kurdische Flüchtlinge zu uns, gäben wir im Westen oder die Nato-Staaten indirekt der türkischen Regierung nicht Subventionen fürs Ausradieren von Kurdendörfern...
Bleiben wir bei unserem Metier, den Tieren.
Damit keine Mißverständnisse entstehen. Gegen den Stierkampf im fernen Spanien zu protestieren, ist nicht bloß ein guter alter Tierschützerbrauch, es ist notwendig. Nur sollten wir darüber vor den Mißständen im eigenen Land nicht die Augen verschließen. Unsere Hauptaufgabe bleibt es, vor der eigenen Tür zu kehren. e Fakten: Derr Kampfstier genießt Jahre ziemlich natürlichen Lebens auf der Weide und leidet eine knappe halbe Stunde Schmerz, viel Schmerz in der Arena. Der heimischen Maststier wird meist sein Leben lang tierunwürdig gehalten, fast zu Unbeweglichkeit verdammt, und, erleidet, wenn exportiert, nicht selten tagelange Qualen bis zum Tod. Quälen heimischer Tiere ist keine Rechtfertigung für die Corrida. Opfer dort ist nicht nur der Toro, es sind Pferde in der Arena, die da oft einen qualvollen Tod erleiden, und Rinder in den Schlachthäusern, wo Stierkämpfer den Todesstich
trainieren.
In Meyers Enzyklopädischem Lexikon (1978) lesen wir: „Stierkampf (span. Corrida de toros), ein im alten Ägypten, in Mesopotamien und später bei den Mauren S-Spaniens bekannter (unblutiger) Kampf von Menschen mit Stieren. Der St. wird heute in Spanien, ... nach festen Regeln unter Aufsicht eines Kampfgerichts ausgetragen. Die span. Stierkämpfe sind seit Caesar belegt ... Nach dem feierl. Einzug der Stierkämpfertruppe („cuadrilla“) wird der Stier zu Beginn des Kampfes vom Torero mit der Capa, dem farbigen Mantel, gereizt. Im darauffolgenden Lanzenkampf wird der angreifende Stier von den (berittenen) Picadores durch Stiche in den Nacken gereizt (und geschwächt), dann setzen die Banderillos die Banderillas in den Nacken des Tieres. Auf dem Höhepunkt des Kampfes kämpft der Matador allein gegen den bereits geschwächten Stier, reizt ihn mit einem roten Tuch) und sucht ihn durch einen Degenstoß zwischen die Schulterblätter zu töten. Falls dies nicht gelingt, tötet der Puntillero den Stier durch den Gnadenstoß.... Ein St. dauert etwa eine halbe Stunde; bei einer Veranstaltung werden im Allgemeinen sechs Stierkämpfe ausgetragen.“-
Ein spanischer Gottesmann, Kardinalerzbischof Alberto Iniesta von Madrid (siehe anima Nr.3/96) urteilte über
das Schauspiel:
„Der Stierkampf ist nicht christlich. Gott hat die Tiere nicht geschaffen, damit wir uns vergnügen, indem wir sie grausam leiden lassen. Sie martern die armen Stiere zu Tode, und sie zwingen die Pferde, sich dem Stier zu nähern, obwohl dieser, wenn er sie auf die Hörner nimmt, ihnen die Eingeweide aus dem Bauch reißen kann. Können wir als Christen und zivilisierte Menschen gleichgültig bleiben gegenüber einem Fest, das den Menschen in dem Maße erniedrigt, in welchem er Leiden hervorruft, die in keiner Weise gerechtfertigt werden können?“
Das ist nicht die einzige spanische Stimme, die sich gegen diese atavistische
Volksbelustigung wendet. Deren Gegner sind viele, doch sie sind zu schwach und bedürfen internationaler
Hilfe.
Schon vor neunzig Jahren schilderte der spanische Schriftsteller Vicente Blasco Ibanez in seinem Roman Blutige Arena, der Geschichte vom Aufstieg eines Sohnes armer Leute zum bejubelten Matador und seinem blutigen Ende den Widerstreit. Wir erfahren, daß damals die starke anarchistische Partei den Ausschluß aller Mitglieder, die den „barbarischen und rückschrittlichen Stiergefechten“ beiwohnen, verfügte. Wir hören ein Plädoyer für die Corrida, gesprochen von einer Romanfigur (Dr.Ruiz), der die Geschichte des grausamen Brauches darlegt. Er bestreitet, daß der Stierkampf aus alter Zeit stamme:.. „Erst als die Inquisition anfing, matt zu werden und die Autodafés außer Mode kam, begann die Kunst der Stierkämpfe, nach festen Regeln, bestritten von Plebejern, bezahlt ihr Leben aufs Spiel zu setzen.“ Der Doktor fährt
fort:
„Damals, in der Mitte des XVIII. Jahrhunderts, entwickelte sich der Stierkampf zu voller Blüte. Die Wildheit der jahrhundertelang an die Grausamkeit des Autodafés gewöhnten Massen hatte ein Sicherheitsventil nötig, und das Volk, das seine natürliche Expansionskanäle verschlossen sah, fand in dem neuen Nationalschauspiel einen neuen Weg für alle von Mut und Verwegenheit beseelten Ehrgeizigen.„Ein Fortschritt!“ wiederholte der Doktor. „Mir scheint alles klar. Deshalb schäme ich mich als durch und durch republikanisch gesinnter Mann auch nicht zu sagen, daß mir die Corridas gefallen... Der Mensch braucht übrigens den pikanten Reiz des Schlechten, um die Monotonie seiner Existenz zu beleben. Auch der Alkohol ist ein Übel. Wir wissen, daß es uns schadet, dennoch trinkt ihn beinahe jeder... Gefällt es nicht allen, bisweilen den Blick nach rückwärts zu wenden und ein wenig das Leben unserer Vorfahren zu führen? Die Brutalität erweckt nämlich in unserem Innern geheimnisvolle Kräfte wieder, die man nicht sterben lassen soll“ …
„Die Stierkämpfe sind nicht das einzige rohe Schauspiel in der Welt. Die Rückkehr zu starken, wilden Lustbarkeiten ist eine menschliche Krankheit, an der alle Völker in gleicher Weise leiden. Deswegen bin ich entrüstet, wenn die Ausländer ihre Augen stets auf Spanien richten, als gäbe es etwas derartiges nur bei uns. Wie viele Reiter brechen nicht ihr Genick bei den Pferderennen!... Und wohin hat der moderne Sport geführt? Sehen Sie sich die eingeschlagenen Nasen, abgehauenen Ohren, zertrümmerten Schädel
und gebrochenen Beine der Champions an! ...
Und weiter! Im Namen der Zivilisation verdammt man die barbarischen, blutigen Stiergefechte, und im Namen derselben Zivilisation hegt und pflegt man die schädlichsten Tiere der Welt?... Die Wissenschaft kennt sie zur Genüge und hat alles Wissenswerte verzeichnet. Wenn ihre Vernichtung auch gewissen Seelen zuwider sein sollte, weshalb erhebt sich keine Stimme gegen die heimlichen Tragödien, die sich jeden Tag in den Zoologischen Gärten abspielen? Beobachten Sie, wie sich die Haare des vom Blick der Boa hypnotisierten Kaninchens sträuben, bis es im eisigen Druck ihrer Ringe erstickt... Hundewider sein sollte, weshalb erhebt sich keine Stimme gegen die heimlichen Tragödien, die sich jeden Tag in den Zoologischen Gärten abspielen? Beobachten Sie, wie sich die Haare des vom Blick der Boa hypnotisierten Kaninchens sträuben, bis es im eisigen Druck ihrer Ringe erstickt... Hunderte von Tieren sterben täglich für die Ernährung wilder, vollkommen nutzloser Bestien, die man mit aller erdenklichen Sorgfalt in Städten pflegt, die sich dünken,
an der Spitze der Zivilisation zu marschieren. ...
Man beleidigt uns, weil wir heute wenig bedeuten,“ rief Ruiz, erbittert über diese universelle Ungerechtigkeit. „Die Welt ist wie ein Affe, der die Gesten seines Herrn nachmacht. Heute befiehlt England, und die Menschen beider Erdhälften sehen dem albernen Schauspiel zu, wie ein paar Pferde über eine Bahn laufen. Leider kamen die Stiergefechte erst auf, als unsere Macht schon bröckelte. Hätten sie aber zu Zeiten Philipps II. dieselbe Bedeutung gehabt wie heute, so gäbe es Plazas in vielen Ländern Europas... Sprecht mir nicht von den Ausländern! Ich bewundere sie wegen ihrer Revolutionen, und weil wir ihnen auf geistigem Gebiete vieles verdanken. Aber was die Stiere anbelangt, reden sie nichts als baren Unsinn.“
Und der Doktor verwünschte mit fanatischer Blindheit alle Völker des Planeten, die den spanischen Stierkampf verabscheuen, ihre eigenen rohen Belustigungen aber nicht einmal durch den Vorwand der Schönheit rechtfertigen können.“....
Im Roman stirbt der Torero Gallardo in der Arena, vom Stier, dem er den Todesstich
gab, tödlich verletzt. In der letzten Szene stehen der Arzt Dr.Ruiz und der Banderillo und Freund des Toten, Sebastian genannt Nacional, vor der Leiche.
Gallardos Körper lag nackt vor seinen Augen. Eine Wunde - eine einzige - war zu sehen: ein bogenförmiger Schlitz im Bauch, durch den bläuliche Fleischfetzen zum Vorschein kamen. Traurig schüttelte Doktor Ruiz den Kopf. Für diese grauenhafte Verwundung gab es keine Rettung. „Doktor ... Doktor!“ schluchzte der Banderillero (Nacional genannt, ein Freund des Matadors) und sah ihn mit flehenden Augen an. Ein langes Schweigen. Noch einmal schüttelte
Ruiz den Kopf.
„Es ist aus, Sebastian ... Verstört ging der Banderillero hinaus, um zu weinen, herzzerreißend wie ein Kind zu weinen. Im Hof mußte er beiseite treten, um die in die Arena trabenden Picadores vorbeizulassen. Die Kunde von Gallardos Verscheiden drang zur Plaza. ... niemand rührte sich von seinem Sitz. Die Corrida war noch nicht zur Hälfte vorüber,
erst zwei Stiere ... Warum auf den Rest verzichten? ...
Durch das Tor der Arena drang der Lärm der Menge, drang schmetternde Musik. Und in der Seele des Nacionals stieg ein wilder Haß auf gegen alles, was ihn umgab, ein Ekel vor seinem Beruf und dem Publikum, das ihn ernährte.
Er dachte an den Toro, der jetzt mit verkohltem Hals und starren Beinen,
die gläsernen Augen in die blaue Leere gerichtet, aus der Arena geschleift
wurde. Er dachte an den jenseits der Backsteinmauer liegenden Freund mit
dem aufgerissenen Bauch und dem geheimnisvollen Glanz zwischen den halbgeschlossenen
Lidern. Armer Toro! Armer Matador! ... Plötzlich brauste ein gewaltiger
Ruf zum Himmel: die Plaza begrüßte
die Fortsetzung der Corrida.
Dort brüllte die Bestie, die wahre,
die einzige." V.B .Ibanez.
Erwin Lauppert
Panem et Circenses
Philipp Schwinghammer
„Panem et circenses“: So schrieb der römische Dichter Juvenal in seinen Satiren. Mit diesen Worten kritisierte er, dass das römische Volk unter Kaiser Augustus und Tiberius (31 v. Chr.-37 n. Chr.) sich nicht mehr für die Politik ihres eigenen Landes interessierte sowie gelangweilt, erbost und enttäuscht über den vorherrschenden Nepotismus, den immer gleichen Namen bei der Postenvergabe, den von außen nicht zu verändernden politischen Verhältnissen zum Trotz dem Zirkusspiel zugeneigt war. Es war ihnen schlicht einfach uninteressant geworden, Politik zu verfolgen, sich damit auseinanderzusetzen und sie begreifen zu wollen. Sie begnügten sich also mit dem Besuch von Zirkusspielen und gutem Essen, also „Panem et circenses“, „Brot und Spiele“.
Doch bereits in spätrepublikanischer Zeit
(1. Jhd. v. Chr.) wurde mit „Panem et circenses“ das Volk gleichgeschaltet, bestochen und durch die nicht vorhandene Selbstachtung der Masse zu Schau gestellt.
Wer an das antike Rom denkt, dem kommen sofort die antiken Ruinen der jetzigen italienischen Hauptstadt in den Sinn. Angefangen beim Forum Romanum, dem Kolosseum, dem Circus Maximus, den Caracalla Thermen und dem Pantheon schweifen wir in Gedanken unseren Blick durch die kulturellen Hinterlassenschaften des einstigen Großreichs. Gegründet wurde das Imperium Romanum durch Romulus und Remus im Jahre 753 v. Chr. und um diesen Eckpunkt in der Weltgeschichte gebührlich zu feiern, wurden die Jubiläen seiner Gründung alle hundert Jahre zelebriert. Die Tausendjahrfeier des Jahres 247 n. Chr. sollte daher ein besonderes Spektakel darstellen und die politische und wirtschaftliche Bedeutung Roms in propagandistischen Spielen unterstreichen. Zu dieser Zeit war Philippus Arabs römischer Kaiser und hauptverantwortlich für die öffentliche Tötung exotischer Tiere, die aus allen Teilen des Reichs herbeigebracht wurden, um das Volk zu Ehren der tausenjährigen Gründung der Stadt Rom bei Laune zu halten.
Als vor langer Zeit eine Wölfin, die berühmte Lupa der Stadt Rom, im Jahre 753 vor Christus zwei Findelkinder aufzog und somit die Adoptivmutter einer neuen Nation wurde, wusste sie noch nicht, dass ihre Kinder und Kindeskinder in die Geschichte eingehen würden. Aus ihrer Nation würden Imperatoren, Politiker, Feldherren und Dichter hervorgehen; entscheidende Schlachten würden geschlagen, berühmte Schriften veröffentlicht und ein Grundstein für eine neue Zivilisation gelegt werden. Dass allerdings genau zum tausendjährigen Bestehen des Imperium Romanums im Zuge der dafür vorgesehenen Zeremonie Tiere gejagt, verletzt, gequält und getötet werden sollten, das wusste sie noch nicht, als sie Romulus und Remus an ihrer Brust nährte.
Der römische Schriftsteller Flavius Magnus Aurelius Cassiodor (484/490-585 n. Chr.) schrieb folgendes zu diesem Spektakel: „Das 1000. Jahr der Stadt Rom ist erreicht worden, wegen welcher Feierlichkeit Philippus mit seinem Sohn unzählige wilde Tiere im großen Zirkus getötet hat, und die Theaterspiele am Marsfeld hat er drei Tage und Nächte gefeiert, während das Volk ausharrte.“ (Zitat: Millesimus*). Aus diesen wenigen Zeilen können wir das Ausmaß des Tierleids nur erahnen. Rein zur Belustigung wurden diese Tiere getötet. Ein makaberer Beleg für dieses „Fest“ liegt in den so genannten Saeculares-Münzen zu Grunde. Auf den römischen Münzsorten, den Antoninianen und Sesterzen, wurden auf der Vorderseite der römische Kaiser bzw. seine Gattin, Otacilia Severa, oder sein Sohn, Philippus II. und auf der Rückseite ein Tier (Ziege, Löwe, Antilope, Nilpferd,..*) abgebildet. Was auf den ersten Blick nach einer verniedlichenden Tierdarstellung aussieht, ist Zeugnis grausamer Massentiermorde.
*lat.Text, Münzbilder, Quellenangabe auf Anforderung
Seite 10:
Österreichische Vegetarier Union (ÖVU)
Interessenvertretung für Vegetarierinnen und Vegetarier, lacto/ovo und vegan
Vors. Mag. Erwin Lengauer
Wehlistr. 366 Stg.3 T 1, 1020 Wien, Tel. T 0676-3572 671
a n i m a
Zeitschrift für Tierrechte – Herausgeber ÖVU
email: anima @vegetarier.at
Die anima stellt mit dieser Nummer ihr Erscheinen als Zeitschrift für Tierrechte ein. Ob sie als Mitteilungsblatt der ÖVU weitergeführt wird, ist noch offen.
Literatur:
Vegetarische Ernährung, ein wissenschaftliches Standardwerk
der Ernährungswissenschaftler Claus Leitzmann und Markus Keller. Ulmer Verlag UTB, 3. Aufl. 2013, 380 S., 23 € (D)
Vegetarismus - Grundlagen, Vorteile, Risiken, ebenfalls
von Prof. Leitzmann verfasst, Verlag Beck München, 3.Auflage 2009, Taschenbuch, 125 Seiten, 7,90 €(D)
Dr.med.Sigrid Steeb, Vegetarisch. Gesund.
Mit einem Geleitwort von Prof. Leitzmann – Alles über veg. Ernährung mit vielen Rezepten, Schlütersche
Verlagsges. Hannover 2011, 188 S., ca. 20 €
Informationen zur veganen Ernährung:
Leitfaden zur veganen Ernährung mit großem Praxisteil, pala-verlag Darmstadt 2014, 16 €(D), geb., 220 Seiten,
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Österreichische Vegetarier Union
Wechsel im Vorsitz
Der bisherige Vorsitzende Dr. Erwin Lauppert, Graz scheidet aus Altersgründen aus dem Vorstand aus. Einziger Kandidat für das Amt des Vorsitzenden ist der langjährige
Vorsitzendenstellvertreter
Mag. Erwin Lengauer, Wien.
Die Wahl findet in der Generalversammlung
Ende März statt.
VEBU-Magazin
VEBU -Vegetarier-Bund Deutschland e.V. Genthiner Straße 48, D-10785 Berlin, Tel.0049/ 30-200 50 799, Email info@vebu.de www . vebu.de
Veg-Info, Vegi-Büro Schweiz, Tel. 0041-71 477 33 77, neue Adresse: Niederfeldstrasse 92, CH-8408 Winterthur, www.swissveg.ch, info@swissveg.ch
Die Schweizerische Vereinigung für Vegetarismus hat sich vor einiger Zeit in Swissveg umbenannt.
Wien:
Erwin Lengauer, T 0676-3572 671
email: tara777@gmx.net
Niederösterreich (West):
1)Mag. Gabriele Smetana, 0664/ 368 70 19
2)Michaela Haunold. Ernährungsberaterin, T 0676- 7195 220, www.glyx4you.co
Oberösterreich:
Schärding: Eva Kubai Tel. 07712-35704
Salzkammergut (Gmunden/Almtal)
Erich Lankmaier, 0676 – 390 111 9, e.lankmaier@gmx.at,
Uschi Mayer, ursula.mayer@gmx.at
www.vegi-treff.jimdo.com
Seite 11:
Gesellschaft für humane Nutztierhatung,www. umsvieh.at
Für den Fleischkonsum müssen in Österreich grob gerechnet rund 70 Millionen geflügelte Tiere, sprich vor allem Tierkinder, weibliche und männliche „Masthähnchen“, etwa zehn Millionen Vierbeiner, mehrheitlich jugendliche Schweine und viele Millionen Fische (deren Zahl ist schwer zu schätzen) sterben. Für den Eikonsum müssen nach meist eineinhalbjährigem Leben etwa sieben Millionen Hennen ihr Leben lassen und eine gleichgroße Zahl an männlichen Küken (Ausnahme siehe Seite 13). Für unsere Milch/produkte stirbt nach kürzerer oder längerer Lebensdauer etwa eine halbe Million an Rinder, die aber zugleich dem Fleischkonsum dienen. Indirekt als „Kollateralschaden“ bei der Erzeugung pflanzlicher Lebensmittel dürften sehr grob geschätzt (die Zahl lässt sich sehr schwer berechnen) etwa zehn Millionen Tiere, großteils kleine Nager, ums Leben kommen.
Man sieht, selbst unter Warmblütlern – von den Milliarden durch Pflanzenschutzmittel vernichteten Insekten etc. nicht zu reden – lassen sich selbst bei veganer Lebensführung en Opfer nicht vermeiden.
Doch das ist kein triftiger Grund, Tiere zu essen, und in den Bemühungen zu erlahmen, Tiertötung und Tierleid zu mindern. Mit dem Verzicht allein auf Fleisch ist schon sehr viel getan: Fast t 90 Prozent weniger Schlachtungen. Und was Tierqualen betrifft noch mehr; denn gerade bei der Mast müssen die Tiere häufig t besonders leiden. Wer mehr tun will, kann durch Eiverzicht wenigstens das direkte Töten fast zur Gänze, um mehr als 99 Prozent verhindern.
Schwieriger ist es, solange die Mehrheit Fleisch isst, mit dem Milchverzicht; gerade in Österreich, denn hier herrscht das Zweinutzungsrind (Fleisch und Milch) vor. Kommen dank Milchabstinenz weniger Rinder auf den Fleisch markt (so eine hochgezüchtete Zweinutzungskuh wiegt) 6000 bis 800 kg), werden für den Fleischhunger mehr geringgewichtige Schweine, Hühner produziert.
Das gute Werk, Kühen und Kälbern ein leidvolles Leben zu ersparen, führt so mit großer Wahrscheinlichkeit zu mehr Tierleid und Tod. Ein nicht seltenes Phänomen, im Großen (Der Westen wirft Bomben auf Araber, für ihre Menschenrechte) und im Kleinen. Unzählige philosophische, religiöse, juristische Abhandlungen gibt es zu diesem Thema (vgl. anima Nr.1/2014), leider mit gegensätzlichen Ergebnissen. Letztlich muss jeder selbst entscheiden.
Bei aller Begeisterung für strenge oder gemäßigte vegetarische Lebensweise: Die übergroße Mehrheit der Menschen isst immer noch Fleisch, etwa 98 Prozent verzehren Milch und Ei. Die ganz große Mehrheit der Nutztiere hat nichts vom Veggie-Boom. Sollen die im Regen stehen bleiben? Genügt es zu sagen, was geht mich das an, ich esse ja nichts Tierisches? Oder einst: Ich ergase ja niemanden?
Sollten wir uns nicht alle um bessere Lebensbedingungen für die
Tiere bemühen? Es muss ja nicht jeder Tierrechtsaktivist werden. Auch
im kleinen eigenen Umfeld lässt sich manches tun. Freunden bei Einladungen
vegetarische Speisen nahe bringen, von der Konsumentenmacht Gebrauch
machen, bei der Filialleitung, in der Zentrale der Handelskette nach
den Lebensbedingungen der zur Ware gewordenen Tiere fragen, Videomaterial,
Besichtigung einfordern, Alternativprodukte, Produkte aus besserer
Haltung verlangen, sich über soziale Medien (Facebook) zu gemeinsamen
Handeln zusammen tun, zu mehreren geht es leichter …-...
E.L.
Seite 12:
Dank des gewaltigen Fortschritts
und des ungeheuren Aufschwungs
der Industrie und des Handels
ist der Wohlstand auf eine Höhe
gebracht worden, von der man
in früheren Jahrhunderten
nur träumen konnte.
.
Man möchte meinen,
Lebensfreude und Zufriedenheit
wären selbstverständlich.
Allein, dem ist leider
nicht so.
Friedrich Wilhelm Raiffeisen
1818 – 1888
Impressum und Offenlegung: anima - Zeitschrift
für Tierrechte, erscheint voraussichtlich nicht mehr.
Medieninhaber und Verwaltung: Österr. Vegetarier Union (ÖVU), Herausgeber und Redaktion: Arbeitskreis Tierrechte (AKT) der ÖVU,
alle 8045 Graz, Rossegg 41, Tel. 0316-463717 und 0720-349056, anima @vegetarier.at
ZVR-Zahl 90713 6740, DVR 0955 906. Beiträge geben, soweit nicht anders vermerkt, lediglich die Meinung der Verfasser wieder, für nicht gefertigte Texte Erwin Lauppert (E.L.), Leiter des AKT verantwortlich..Nachdruck nur mit schriftlicher Zustimmung. Fotos, wenn nicht bezeichnet: ÖVU. Druck: Emilio’s GmbH, Obergfellplatz 1210 Wien.
OVU: Vorsitzender (bis 27.3.2016) Dr. Erwin Lauppert, Graz; Stellvertreter
Mag. Erwin Lengauer, Wien; Schriftführerin Michaela Schaller, Graz. Grundlegende Richtung:
Vegetarismus, Tierschutz, Tierrechte, , Vereinsorgan u. Infos der ÖVU und der Gesellschaft für humane Nutztierhaltung, Graz. Bei personenbezogenen Bezeichnungen gilt die gewählte Form zwecks besserer Lesbarkeit sidR für
beide Geschlechter.
Seite 13:
Gesellschaft für humane Nutztierhatung,www. umsvieh.at
Besser kein's
Wirrwar bei Eiern
Es war vor einem Vierteljahrhundert, da rief mich der Direktor der Handelskette Billa an – ich behandelte damals im Aktiv3en Tierschutz Steiermark Nutztiersachen und wir waren in Verbindung mit Billa. Der Direktor sagte: Wir machen alles, was ihr Tierschützer wollt – es darf nur nichts kosten. Ich musste den Manager enttäuschen – Tierschutz gibt es genau so wie Menschenschutz nicht zum Null-Tarif. (Übrigens agierte der Billa-Eigentümer Karl Wlaschek doch bemerkenswert tierfreundlich. Er verbannte schon um 1992 Käfigeier aus den Regalen seiner Kette und öffnete so den Weg für das spätere Verbot der Batteriekäfige).
In der Sommernummer der anima hatten wir von einer erfreulichen Aktion großer Handelsketten berichtet, wenigstens im Bio-Sektor nur mehr Eier von Zweinutzungs-hühnern in die Regale zu lassen. Damit wäre hier der Tötung männlicher Küken ein Ende gesetzt; die würden etwa drei Monate lang zu „Masthähnchen“ herangefüttert. Leider, zu früh gefreut. Aus Handel und Erzeugung verlautet, das rentiert sich nicht, die Hennen legen zu wenig. Zurück zum Ursprung (Hofer) bestätigt, man sei zu reinen Legerassen/linien zurückgekehrt, ziehe aber deren männliche Küken auf und schlachte die dann 1,1 kg schweren Tiere nach zehn Wochen. Das sei defizitär, die Differenz müsse aus dem Eierlös gedeckt werden. Der Name „Hahn im Glück“ bleibt. Rewe spricht wenig präzise von Umstellung auf neue Genetik, vitaleren und agileren Zweinutzungstieren mit besserer Legeleistung ohne nähere Angaben. Die Fa. Toni's entscheidet erst im Juni, ob sie bei der echten Zweinutzungsrasse bleibt.
Die Hennen legen zu wenige Eier – ist das nicht eine sehr einseitige Sichtweise? Man könnte genau so sagen, die Konsumenten zahlen zu wenig, die Ketten legen die Preise zu niedrig fest. Nebenan stehen Worte, die der Initiator der bäuerlichen Kreditgenossenschaften Raiffeisen vor gut 130 Jahren gesagt hat. Sie könnten genau so gut heute gesagt werden. Es geht uns so gut, wie man es vor hundert Jahren nicht für möglich gehalten hätte. Unterschätzen die Ketten vielleicht die Bereitschaft vieler Konsumenten, für Gutes mehr zu zahlen.
Karl Wlaschek, wir erzählten es zu Beginn, hatte den Mut, seinen Kunden nur Besseres zu bieten, zu einem höheren Preis. Billa ist darob nicht in Konkurs gegangen. Fehlt heute im Handel der Mut?
Ob die neue Linie, die Doppelnutzung der Legerassen für Henne und Hahn ein Nutzen ist? Für die Henne sicher nicht, sie unterliegt weiterhin dem Stress, viel zu viele Eier legen zu müssen, der Druck auf „Rationalisierung“ sprich mehr Leistung und weniger „Komfort“ ist noch größer geworden, da sie ja auch die Männchen „finanzieren“ muss. Die Fleischausbeute der Männchen wird die Nachfrage nach Brathähnchen kaum verringern, also hier auch kaum indirekter Nutzen (=weniger Masthühner). Ob für die Männchen zehn Wochen Leben den Stress im engen Stall, die quälerischen Strapazen des Wegs zum Schlachthof und der Schlachtprozedur wiegen, oder ob der rasche Tod als kleines Küken nicht das bessere Los ist, wagen wir nicht zu entscheiden.
Wir hatten in den früheren Nummern unserem Slogan esser "in's,
aber wenn schon ein's, dann das Freilandei mit dem Label „"tierschutzgeprüft" den
Zusatz „"nur von Zweinutzungshühnern" beigefügt.
Wir können diese Empfehlung nicht mehr mit gutem Gewissen
bekräfti;gen. Vollinhaltlich stehen wir hinter der Empfehlung
„Ei? Besser kein's!“.
Erwin Lauppert
Seite 14:
Zwei Meinungen stehen überspitzt gesagt im Widerstreit. Für die einen sind Jäger Lustmörder, sie wollen nicht in die Natur eingreifen, die anderen halten die ersteren für Sadisten, die dem Wild keine Schonzeit gönnen und es im Winter verhungern lassen.
Hundert Jahre Proteste gegen die Jagd an sich waren mehr oder minder vergeblich, konzentrieren wir uns doch auf einzelne besonders abscheuliche Jagdperversitäten, vielleicht können wir, wenn alle gemeinsam an einem Strang ziehen, gegen die an. Diese Anregung in der letzten anima brachte uns wütende Proteste. Der leicht sexistisch gefärbte Seufzer zum Jägerinnen-Kalender, Frauen sollten den Männern nicht jeden Schwachsinn und jede Brutalität nachmachen, wurde uns zwar nicht angekreidet, dafür unterstellte man uns, wir seien für die Jagd. Eine kühne Behauptung bei fünf Seiten Antijagdtext im letzten Heft.
Eine Falschinformation im vorigen Blatt müssen wir zugeben. Hochstand-Umschneiden war nicht nur vor Jahrzehnten Protestübung. Angriffe gegen Jagdeinrichtungen gebe es nach wie vor, sagt man uns, allein im Vorjahr sollen an die fünzig Jägerstände umgeschnitten und sonstige Zerstörungsakte getätigt worden sein. Das bekräftigt allerdings meine Frage nach dem Nutzen solchen Tuns. Wird in einer Zeit hochgepuschter Terrorismusfurcht der Tiersache damit nicht eher geschadet?
Besondere Empörung erweckte der Hinweis, bei Treibjagdstörungen seien Prügel zu befürchten. Das erstaunt. Nach Einschätzung vieler Tierrechtler sind Jäger brutale, grobe, erbarmungslose Mörder (Ich meine zwar, es sind (leider) meist ganz normale Menschen wie Wurstesser und -Verkäufer). Ja, kann man von solchen Leuten, wenn man ihre gesetzlich erlaubten Kreise stört, ernstlich Liebkosungen erwarten? In England wurden Jagdstörer schon umgebracht, in den hiesigen jagdgegnerischen Publikationen werden tätliche Angriffe durch Jäger breit dargestellt. Jeder Kampagnenführer mit einigermaßen gesundem Menschenverstand wird darauf eingehen und Sorge treffen, daß die eigenen Verluste gering bleiben.
Doch kommen wir zum Kern. Wir blicken auf rund hundert Jahre Jagdprotestbewegung mit keinem oder sehr dürftigem Erfolg. Weshalb hat da jeder Vorschlag, die Protesttätigkeit zu evaluieren, das heißt Wege und Ziele rational zu überdenken, wie Leserbriefe zeigen, emotionalen Aufschrei zur Folge?
Es gibt grob vereinfacht zum Thema Jagd unter Tierfreunden zwei Denkschulen.
Der einen liegt ein Bild unberührter Natur zugrunde, einer Welt für sich, in der die Tiere ihr eigenes Leben führen. Im Hinterkopf schwebt dabei wohl ein bißchen die Vorstellung vom Paradies mit. Umso verständlicher ist die Empörung, wenn der Jäger in diese vermeintliche Welt des Friedens einbricht, als Lustmörder, der allein um seines Vergnügens willen die Tiere hinmetzelt, noch dazu stümperhaft. Darum sei die Jagd insgesamt zu verdammen. Was sich in der anderen Welt, der Menschenwelt abspielt an Grausamkeiten gegenüber den Tieren, Massentierhaltung und -tötung, Tierversuche etc. sei eine ganz andere Sache, ohne Beziehung zur Pflicht, das Reich des Friedens vor menschlichem Eingriff zu schützen. Darum ist es auch nicht von Belang, ob in den Supermärkten massenhaft verstümmelte Tierleichen aufgereiht sind, es gilt draußen in der Natur das Aufreihen von Tierleichen zu verhindern.
Die andere Seite argumentiert dagegen, diese unberührte Natur gebe es schon lange nicht mehr. Wald und Flur seien von wenigen Ausnahmen abgesehen, eine vom Menschen geschaffene Kunstlandschaft, tierische und menschliche Belange untrennbar ineinander verwoben. Wie der Mensch seine Hand auf die Haustiere legt, habe er auch das Gros der sogenannt jagdbaren Tiere insbes. Reh und Hirsch zu Nutztieren gemacht, ihre Zahl über die Maßen vermehrt. Wir müßten den Tatsachen, mag es uns freuen oder nicht, in die Augen sehen. Tatsache sei, daß bei uns 97 % der Menschen Fleisch essen. So lange die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung vom Fleischgenuß nicht ablasse, müsse es unsere Hauptaufgabe sein, uns um möglichst erträgliche Lebens- (und Sterbe-)Bedingungen für alle Tiere, die aufgegessen werden, zu bemühen. Unter all den Lebewesen, die ob es uns gefällt oder nicht, dem Verzehr dienen, gehe es dem Wild noch am besten, es sei das artgerechtest gehaltene Nutztier. Vor dem Verhungern geschützt lebe es dazu wenigstens teilweise länger als einst in der rauhen Natur. Es wäre unter den gegebenen Verhältnissen daher unglücklich, die Stoßrichtung gerade gegen die am wenigstens tierquälerische Nutztierhaltung anzusetzen und den Kampf gegen die anderen viel quälerischeren Haltungsformen zurückzustellen. Das wäre so als ob man gegen die Hennen-Freilandhaltung zu Felde zöge, mag sie auch letzthin Tierquälerei sein; dann bliebe die Käfighaltung übrig. Überspitzt formuliert Jagd verhindern hieße im Ergebnis: Schwein und Huhn quälen. Wer kein Rehschnitzel kriegt, wird nicht Vegetarier werden, sondern zu Schweinsbraten und Backhendl greifen.
Grundsätzliche Meinungsunterschiede gibt es auch zur Frage der Einbürgerung von Prädatoren, d.s. Beutegreifer früher Raubtiere genannt. Wer dem Naturbild huldigt, steht dazu meist positiv. Diese Fleischesser seien eben Teil der Schöpfung, Natur. Wenn der Luchs jährlich fünfzig Rehe oder Kitze tötet, liege das außerhalb des Verantwortungsbereichs des Menschen.
Die andere Seite wendet sich dagegen, Prädatoren einzubürgern.
Die ursprüngliche Natur sei wenigstens in unseren Breiten vom Menschen längst zerstört. Raubtiere seien den friedlichen Waldtieren nach fast einem Vierteljahrtausend der Ruhe fremd geworden. Ihnen tierliche Jäger, die sich an keine Schonzeit und kein Reglement halten, aufzubürden, sie in ständigen Streß zu versetzen, grenze an Sadismus. Mord bleibe Mord, ob eigenhändig vollzogen oder durch gedungene Gesellen.
Schließlich, wir Tierschützer sollten auch die Tiere fragen. Was dürfte dem Reh wohl lieber sein, gleich im nächsten Winter zu verhungern oder gefüttert und erst zwei Jahre später totgeschossen zu werden?
Und zusammenfassend: Mit dem Verbot der Jagd allein sei es nicht getan. Nicht nur der Jäger bringe Tiere um, indirekt auch wir Nichtjäger. Durch die intensive giftfreudige Landwirtschaft, den Verkehr, die Siedlungs-tätigkeit, durch von Menschen geschützte tierliche Jagdfreunde wie Hunde, Katzen...
Ob es sich um Mäuse oder Ratten, Fuchs oder Reh, Krähe oder Taube handelt, wir müssen mit allen, mit denen wir nolens volens zusammenleben, einen modus vivendi finden, der den Interessen aller Beteiligten möglichst gerecht wird.
Die Tierfreunde also streiten, was wichtiger ist, gegen die Jagd oder gegen intensive Massentierhaltung kämpfen, was richtiger ist, Tauben und Rehe füttern oder hungern lassen ...
Derweilen werden die krassen Jagd-Perversitäten, die alle Tierfreunde einhellig ablehnen, munter fortgesetzt. .
Darum nochmals der Vorschlag: Konzentrieren wir uns einmal auf diese Übelstände.
Bemühen wir uns um möglichst viele Bundesgenossen. Und
denken wir dann über Strategien nach, die in der breiten Öffentlichkeit
ankommen.
Erwin Lauppert
Die kleine Katze aus: Die Portugiesin
Robert Musil (1880 - 1942)
Eines Tags, als sie in Gesellschaft den Berg heraufkamen, war oben vor dem Tor die kleine Katze. Sie stand vor dem Tor, als wollte sie nicht nach Katzenart über die Mauer setzen, machte einen Buckel zum Willkomm und strich den ohne irgendeinen Grund über ihre Anwesenheit erstaunten großen Geschöpfen um Rock und Stiefel. Sie wurde eingelassen, aber es war gleich, als ob man einen Gast empfinge, und schon am nächsten Tag zeigte sich, daß man vielleicht ein kleines Kind aufgenommen hatte, und nicht bloß eine Katze: solche Ansprüche stellte das zierliche Tier, das nicht den Vergnügungen in Kellern und Dachböden nachging, sondern keinen Augenblick aus der Gesellschaft der Menschen wich. Und es hatte die Gabe, ihre Zeit für sich zu beanspruchen, was recht unbegreiflich war, da es doch so viel andre, edlere Tiere am Schloß gab, und die Menschen auch mit sich selbst viel zu tun hatten; es schien geradezu davon zu kommen, daß sie die Augen zu Boden senken mußten, um dem kleinen Wesen zuzusehen, das sich ganz unauffällig benahm und um ein klein wenig stiller, ja man könnte fast sagen trauriger und nachdenklicher war, als einer jungen Katze zukam. Die spielte so, wie sie wissen mußte, daß Menschen es von jungen Katzen erwarten, kletterte auf den Schoß und gab sich sogar ersichtlich Mühe, freundlich mit den Menschen zu sein, aber man konnte fühlen, daß sie nicht ganz dabei war; und gerade dies, was zu einer gewöhnlichen jungen Katze fehlte, war wie ein zweites Wesen, ein Ab-Wesen oder ein stiller Heiligenschein, der sie umgab, ohne daß einer den Mut gefunden hätte, das auszusprechen. Die Portugiesin beugte sich zärtlich über das Geschöpfchen, das in ihrem Schoß am Rücken lag und mit den winzigen Krallen nach ihren tändelnden Fingern schlug wie ein Kind, der junge Freund beugte sich lachend und tief über Katze und Schoß, und Herrn von Ketten erinnerte das zerstreute Spiel an seine halb überwundene Krankheit, als wäre die, samt ihrer Todessanftheit, in das Tierkörperchen verwandelt, nun nicht mehr bloß in ihm, sondern zwischen ihnen. Ein Knecht sagte: Die bekommt die Räude.
Herr von Ketten wunderte sich, weil er das nicht selbst erkannt hatte; der Knecht wiederholte: Die muß man beizeiten erschlagen.
Die kleine Katze hatte inzwischen einen Namen aus einem der Märchenbücher erhalten. Sie war noch sanfter und duldsamer geworden. Jetzt konnte man auch schon bemerken, daß sie krank und fast leuchtend schwach wurde. Sie ruhte immer länger aus im Schoß von den Geschäften der Welt, und ihre kleinen Krallen hielten sich mit zärtlicher Angst fest. Sie begann jetzt auch einen um den andren anzusehn; den bleichen Ketten und den jungen Portugiesen, der vorgeneigt saß und den Blick von ihr nicht wendete, oder von dem Atmen des Schoßes, in dem sie lag. Sie sah sie an, als wollte sie um Vergebung dafür bitten, daß es häßlich sein werde, was sie in geheimer Vertretung für alle litt. Und dann begann ihr Martyrium.
Eines Nachts begann das Erbrechen, und sie erbrach bis zum Morgen; sie war ganz matt und wirr im wiederkehrenden Tageslicht, als hätte sie viele Schläge vor den Kopf erhalten. Aber vielleicht hatte man dem verhungerten armen Kätzchen bloß im Übereifer der Liebe zuviel zu fressen gegeben: doch im Schlafzimmer konnte sie danach nicht mehr bleiben und wurde zu den Burschen in die Hofkammer getan. Aber die Burschen klagten nach zwei Tagen, daß es nicht besser geworden sei, und wahrscheinlich hatten sie sie auch in der Nacht hinausgeworfen. Und sie brach jetzt nicht nur, sondern konnte auch den Stuhl nicht halten, und nichts war vor ihr sicher. Das war nun eine schwere Probe, zwischen einem kaum sichtbaren Heiligenschein und dem gräßlichen Schmutz, und es entstand der Beschluß – man hatte inzwischen erfahren, woher sie gekommen war, – sie dorthin zurücktragen zu lassen; es war ein Bauernhaus unten am Fluß. Man würde heute sagen, sie stellten sie ihrer Heimatsgemeinde zurück; aber das Gewissen drückte sie alle, und sie gaben Milch und ein wenig Fleisch mit und sogar Geld, damit die Bauersleute, wo Schmutz nicht soviel ausmachte, gut für sie sorgten. Die Dienstleute schüttelten dennoch die Köpfe über ihre Herrn.
Der Knecht, der die kleine Katze hinuntergetragen hatte, erzählte, daß sie ihm nachgelaufen war, als er zurückging, und daß er noch einmal hatte umkehren müssen: zwei Tage später war sie wieder oben am Schloß. Die Hunde wichen ihr aus, die Dienstleute trauten sich wegen der Herrschaft nicht, sie fortzujagen, und als die sie erblickte, stand schweigend fest, daß jetzt niemand mehr ihr verweigern wollte, hier oben zu sterben. Sie war ganz abgemagert und glanzlos geworden, aber das ekelerregende Leiden schien sie überwunden zu haben und nahm bloß fast zusehends an Körperlichkeit ab. Es folgten zwei Tage, die verstärkt alles noch einmal enthielten, was bisher gewesen war: langsames, zärtliches Umhergehen in dem Obdach, wo man sie hegte; zerstreutes Lächeln mit den Pfoten, wenn sie nach einem Stückchen Papier schlug, das man vor ihr tanzen ließ; zuweilen ein leichtes Wanken vor Schwäche, obgleich vier Beine sie stützten, und am zweiten Tag fiel sie zuweilen auf die Seite. An einem Menschen würde man dieses Hinschwinden nicht so seltsam empfunden haben, aber an dem Tier war es wie eine Menschwerdung. Fast mit Ehrfurcht sahen sie ihr zu; keiner dieser drei Menschen in seiner besonderen Lage blieb von dem Gedanken verschont, daß es sein eigenes Schicksal sei, das in diese vom Irdischen schon halb gelöste kleine Katze übergegangen war. Aber am dritten Tag begannen wieder das Erbrechen und die Unreinlichkeit. Der Knecht stand da, und wenn er sich auch nicht traute, es zu wiederholen, sagte doch sein Schweigen: man muß sie erschlagen. Der Portugiese senkte den Kopf wie bei einer Versuchung, dann sagte er zur Freundin: es wird nicht anders gehn; ihm kam es selbst vor, als hätte er sich zu seinem eigenen Todesurteil bekannt. Und mit einemmal sahen alle den Herrn von Ketten an. Der war weiß wie die Wand geworden, stand auf und ging. Da sagte die Portugiesin zum Knecht: Nimm sie zu dir.
Der Knecht hatte die Kranke auf seine Kammer genommen, und am nächsten Tag war sie fort. Niemand frug. Alle wußten, daß er sie erschlagen hatte. Alle fühlten sich von einer unaussprechlichen Schuld bedrückt; es war etwas von ihnen gegangen. Nur die Kinder fühlten nichts und fanden es in Ordnung, daß der Knecht eine schmutzige Katze erschlug, mit der man nicht mehr spielen konnte. Aber die Hunde am Hof schnupperten zuweilen an einem Grasfleck, auf den die Sonne schien, sträubten das Fell und blickten schief
zur Seite....
Wenn Gott Menschwerden konnte, kann er auch Katze werden, sagte die Portugiesin, und er hätte ihr die Hand vor den Mund halten müssen, wegen der Gotteslästerung, aber sie wußten, kein Laut davon drang aus diesen Mauern hinaus.
Anmerkung:
Das stellvertretende Leiden der Tiere, vom antiken Tieropfer bis zu den grausamen Tierversuchen der Gegenwart, wird durch Musil in seiner Novelle „Die Portugiesin“, auf subtile Weise gestaltet und in eine Analogie zum Opfertod Jesu gebracht. Es geht um die Liebe einer kleinen Katze, die alles Unheilvolle und Bedrohliche einer zwischenmenschlichen Situation auf sich zieht in ihrer qualvollen Passion. Man könnte dies als eine Art Theodizee auslegen: Gott leidet in seiner Schöpfung. Vielleicht kann dies ein Aspekt auch des Christentums sein, der zu jener ganzheitlichen Schau der Schöpfung als Einheit mit dem Schöpfer führt, die wir derzeit in der ausschließlich anthropozentrischen Sicht der Kirchen vermissen, die sich in der Frage nach dem Sinn des Leidens der Tier noch kaum um eine Antwort bemüht hat.
Christine Beidl
aus anima Nr. 2/1992
Vielleicht meinen Sie, wir beschäftigen uns zu viel mit der Justiz. Der Grund ist, die Justiz beschäftigt sich so viel mit Tierschützern.
Der Begriff „Totes Recht“ dürfte bekannt sein. Er bezeichnet gültige Gesetze, die außer Gebrauch gekommen sind oder gar nicht in Gebrauch. Totes Recht, das legt die Frage nahe, woran ist denn das arme Recht gestorben? Da gibt es den Fall, dass der Regelungsgegenstand verschwunden ist. Klar, wenn der Brauch zur Säuglingsfütterung eine Amme zu halten, abgekommen ist, verstaubt die Ammenordnung in einem vergilbten Folianten. Doch wie kann ein Gesetz sterben, wenn sein Gegenstand noch springlebendig herumläuft?
Nehmen wir ein Beispiel. Die Strafprozessordnung gibt dem Angeklagten das Recht nach der Vernehmung eines jeden Zeugen zu dessen Aussage Stellung zu nehmen. Das hemmt natürlich den zügigen Prozessverlauf und ist weitgehend totes Recht. Warum? Der Verteidiger sagt seinem Mandanten, lassen’s das, Sie wollen doch lieber nur drei Monate bedingt kriegen als fünf Monate unbedingt. Also dann reizen’s mir den Richter nicht. Ein Richter hat viele Möglichkeiten, einen Angeklagten fertig zu machen.
Nur wenige haben da den Mut, z.B. die Angeklagten im Tierschützerprozess, auf Wiederbelebung zu bestehen. Sie konnten das, gedeckt durch das grelle Licht der Öffentlichkeit und breite Sympathien in der Bevölkerung, doch welcher Angeklagte sonst hat das schon. Selbst im Tierschützerprozess folgte die Richterin, schenkt man den Zeitungsberichten Glauben, wohlwollend gesagt hier nur sehr zögerlich dem Gesetz.
Ein anderer Fall. Da steht in der StPO: einem Angeklagten, der sich nicht schuldig erklärt, hat der Richter zu eröffnen, daß er berechtigt sei, der Anklage eine zusammenhängende Erklärung des Sachverhaltes entgegenzustellen.“. Und dann steht in einem Prozessbericht einer Zeitung: ‚Zuvor fordert er (Anm. der Angeklagte, der sich nicht schuldig bekannt hat) sein Recht, eine „geschlossene Erklärung“ abzugeben. „Nein“, sagt da der Richter: „Ihre geschlossene Erklärung ergibt sich aus Ihren Antworten auf meine Fragen.“’
Unwichtige Kleinigkeiten, werden Sie vielleicht sagen. Richtig. Nun kann man sagen, das sind bedeutungslose Kleinigkeiten, mag sein, doch werfen sie ein eigenartiges Licht auf die Gerichtskultur und kann manchmal der Prozessausgang von Kleinigkeiten abhängen
Kleinigkeiten, es gibt Wichtigeres, , werden Sie vielleicht sagen. Richtig, doch mancher Prozessausgang hängt an Kleinigkeiten, auch eine unscheinbare Wunde kann zum Tod führen.
Natürlich, in jeder Pflege gibt es Probleme, ob in der Rechtspflege, ob in der Krankenpflege. In der Rechtspflege ist der Justizminister, männlich oder weiblich als Institution für die Rechtspflege zuständig. Leider pflegt er es nicht immer. Und so stirbt das arme Recht. Schade.
E.L.
Für die anima 2012 geschrieben, wegen , Platzmangels nicht veröffentlicht.
Danke unseren Leserinnen und
Lesern für Beiträge und Spenden.
Auch dieser Nummer liegt ein Zahlschein bei. Für den Fall , dass Sie zu den Restkosten des Blattes oder zur Tätigkeit der Vegetarier Union oder des Arbeitskreises Tierrechte, die die Arbeit fortsetzen wollen, beitragen möchten. Danke.
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Seite 19:
Das Down-Syndrom unserer Polizei
Das DS ist bekanntlich eine Fehlleistung der Natur, die bei den betroffenen Menschen zu betrüblichen körperlichen oder geistigen Mängeln führt. Traurigerweise leiden nicht nur einzelnen Menschen unter solcher kognitiver Behinderungen, das Syndrom scheint auch in ganzen Organisationen zu grassieren, etwa der Polizei. Dort äußert es sich darin, Festgenommene down hinunter zu drücken, also einfach gesagt auf den Boden zu schmeißen, mögen die Knochen der Opfer auch krachen. Da dringt etwa zur Vorbereitung des unseren Lesern vermutlich noch erinnerlichen Tierschützerprozesses, eine Alarmeinheit ins Schlafzimmer einer 40jährigen Frau, reißt die friedlich Schlummernde aus dem Bett – sie muss nackt auf dem Boden liegen . Das sei zu Eigensicherung der Beamten notwendig gewesen. Nun lässt sich argumentieren, einem einzelnen Polizisten auf einsamer Flur könnte eine Nackte gefährlich werden. Doch zehn Schwer bewaffneten? Eine dämlichere Begründung gibt es wohl kaum. Ein anderer Tierschützer muss so eine Viertelstunde lang auf kalter Asphaltstraße liegen, ein stämmiger Polizist auf ihm (anima Nr. 2/2014). Natürlich trifft es nicht nur Tierschützer, der jüngste aus Medien bekannte Fall: ein eh schon gefesselter Asylwerber muss zu Boden, dass es kracht. Vom friedlichen Tierschutzdemonstranten, den es im Dezember traf, haben wir in der letzten anima berichtet. Wir fragten dazu bei unserer Innenministerin an, wie folgt:
1. Es ist nachvollziehbar, dass sich ein Geschäftsinhaber und seine Angestellten durch eine Demonstration, bei der auch Slogans gerufen werden (Ob das hier der Fall war, wissen wir nicht) gestört oder gar in Furcht versetzt fühlt. Weshalb wird dann eine Demonstration unmittelbar vor dem Geschäft zugelassen und nicht ein gewisser Sicherheitsabstand vorgeschrieben?
2. Ist ein Teilnehmer einer behördlich zugelassenen Demonstration verpflichtet, sich gegenüber der Polizei auszuweisen bzw. diese berechtigt dies zu verlangen?
Den einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen, die ja vermutlich einen Kompromiss zwischen Sicherheitserwägungen und Freiheitsrechten darstellen, konnten wir dies nicht entnehmen. Immerhin ist in der Verfassung ausdrücklich mit gutem Grund die „geheime” Wahl festgeschrieben und Ausweispflicht für Demonstranten läuft faktisch auf Einschüchterung und indirekte Abwürgung des Demonstrationsrechts hinaus.
3. In der Vergangenheit ist es wiederholt bei Festnahmen für Laien unverständlich zu Knochenbrüchen gekommen. Weshalb muss ein Festgenommener, der keinen aktiven Widerstand leistet, so oder so zu Boden gebracht werden? Gibt es keine gelinderen Mittel oder ist die Polizei nicht verpflichtet, das gelind-este zum Ziel führende Mittel anzuwenden?.
4. Ist es gesetzlich zulässig, einem Demonstranten, dem nichts als Ausweisverweigerung ob zu Recht oder zu Unrecht zur Last gelegt wird, Fingerabdruck und DNA abzunehmen?
5. Falls die Behauptung über die späte Entlassung richtig sein sollte, wie wird diese begründet? Wir wissen nicht, wie weit der Haftort von der Wohnung des Festgehaltenen entfernt ist, und ob Entlassung zur Zeit des Ruhens des öffentlichen Verkehrs Härte oder Entgegenkommen ist. Wenn ich mich recht entsinne, hat einmal die Gestapo einem Häftling, den sie auch so um drei Uhr früh entlassen wollte, zugestanden, bis zum Morgen in der Zelle zu bleiben.
Wir möchten unseren Lesern objektiv berichten und wären Ihnen daher, sehr geehrte Frau Bundesministerin, für die Darlegung des Falles aus polizeilicher Sicht und die Mitteilung der Rechtslage und Ihres Standpunkts dankbar.
Wir wurden natürlich von unserer Frau Innenministerin keiner Antwort gewürdigt. Ich bin kein Mediziner, doch das Down-Syndrom ist glaube ich unheilbar. E.L



Vor 27 Jahren
Antipelz-anima
1988:
von Hochschul-Prof. Herta
Heger († 2003) gestaltet und an 25.000 Haushalte
versandt
Vor 20 Jahren
Tierschutz-Volksbegehren
1996:
Über 459.000 Unterschriften
(8,1 % der Stimmberechtigten, für Bundes-Tierschutzgesetz und Tieranwalt
Vor 15 Jahren
1.000 Plakate gegen Fleisch 2001:
eine der Plakat-Aktionen in Graz von Chalotte Probst, Begründerin von „Tierschutz im Unterricht“
– – – – – –.–.–.–
P.b.b. Verlagspostamt 1212 Wien, GZ 02Z 033 063 M, anima Nr. 1/2016
Falls unzustellbar bitte zurück an anima, Roßegg 41, 8045 Graz-Oberandritz
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